Appell Flächenwidmung Heumarkt

Sehr geehrte Frau Gemeinderätin, sehr geehrter Herr Gemeinderat,

Am 1. Juni wird der Wiener Gemeinderat über die Flächenwidmung des Heumarktareals abstimmen. Die Vorbereitungen dazu trifft der Gemeinderatsausschuss für Stadtentwicklung am 10. Mai. Damit erfolgt eine schwerwiegende Entscheidung in einer seit 2012 geführten Diskussion zwischen Investor, Stadt Wien und UNESCO samt ihren jeweiligen Beratungsorganen.

Von Anfang an hat die UNESCO, basierend auf der Expertise von ICOMOS, die Eckpunkte des Toleranzrahmens für die Welterbeverträglichkeit des Projektes klar definiert (Outstanding Universal Value - Compatability). Eine wesentliche Vorgabe war dabei die Orientierung maximal (!) an der Bestandshöhe des Hotel InterContinental.

 

Unbeeindruckt von diesen Vorgaben, die im ausführlichen Bericht der Reactive Monitoring Mission von ICOMOS International vom November 2015 präzisiert wurden, hat die Wiener Stadtregierung die Durchsetzung des aus dem Wettbewerb 2014 hervorgegangenen Siegerprojektes von Architekt Isay Weinfeld, Brasilien, verfolgt. Die nach der 2016 verordneten „Nachdenkpause“ vorgenommene geringe Höhenreduzierung des Hochhauses von 75 m auf 66 m bei gleichzeitiger weiterer Aufzonung des Hotel Neubaus kann gegenüber der UNESCO wohl nur als grobes Missverständnis interpretiert werden.

 

Die jüngst erfolgte Urabstimmung der Wiener Partei der Grünen als ressortverantwortlicher Koalitionspartner in der Stadtregierung erbrachte nun zwar eine Mehrheit gegen das Projekt, die Verantwortung der Entscheidung wurde aber an den Gemeinderat delegiert. Die Frage nach dem diesem Prozedere zugrunde liegenden Demokratieverständnis wird jedes Mitglied dieses Entscheidungsgremiums mit zu beantworten haben.

 

Der Welterbestatus „Historisches Zentrum von Wien“ beruht auf dem völkerrechtlichen Staatsvertrag der UNESCO mit der Republik Österreich betreffend die UNESCO Welterbekonvention von 1972. Österreich hat diese Konvention 1992 unter der Bundesregierung des Kabinetts Franz Vranitzky III unterzeichnet, kundgemacht im BGBl. Nr. 60/1993.

 

Das Welterbe ist also nicht bloß Angelegenheit der Stadt Wien, ist schon gar keine Parteienangelegenheit, ist kein wirtschaftlich motivierter Vertrag und daher auch kein Instrument touristischer Interessen und keinesfalls eine Privatangelegenheit.

 

Das Welterbe ist ein Kulturvertrag, basierend auf freiwilliger Bewerbung mit der Absicht Österreichs Beitrag zum Erbe der Welt unter der Schirmherrschaft der UNESCO zu deklarieren.

 

 

 

Mit der Unterzeichnung des Vertrags hat sich Österreich verpflichtet alles in seinen Wirkmöglichkeiten zu unternehmen (rechtlich, finanziell, auf dem Sektor der Bildung etc.), um das auf die Welterbeliste gesetzte Gut „in Bestand und Wertigkeit“ zu schützen, zu fördern und für künftige Generationen zu bewahren. Diesem Ziel dienen das Regelwerk der Konvention und die zugehörigen Durchführungsbestimmungen (Operational Guidelines), zu deren Befolgung sich die Republik Österreich verpflichtet hat.

 

Der Vertragspartner UNESCO repräsentiert die Weltgemeinschaft des gemeinsamen globalen, Kultur- und Naturerbes und wacht über die Einhaltung der vorgegebenen Orientierungsleitlinien.

Im Welterbe kulminiert die Kulturidee der Achtung vor den Schöpfungen der Natur und den kulturellen Leistungen der Menschen. Diese Kulturidee ist ein wesentlicher Pfeiler in der Entwicklung des Toleranzgebots und es ist kein Zufall, dass sich Toleranz gegenüber kulturellen Leistungen der Vergangenheit mit der Idee der Freiheit der Künste verbindet. Die Kultur des Bewahrens und die Freiheit der Kunst sind ideengeschichtlich ein Zwillingspaar. Denkmalpflege und Erinnerungskultur waren und sind daher von enormer Bedeutung für die Entwicklung demokratischer Gesellschaften. Österreich hat zu dieser Entwicklung wesentlich beigetragen. Der Wiener Gelehrte und Kunsthistoriker Alois Riegl, einer der Begründer des modernen Denkmalkultus um 1900, hat – dem demokratiepolitischen Aspekt dieses Prozesses entsprechend – den „sozialistischen Charakter“ der Bewahrungskultur betont:

Riegl hob damit die Teilhabemöglichkeiten für alle Schichten der Gesellschaft hervor, die Zugänglichkeitschancen ohne Öffnungs- und Schließzeiten.

Vor diesem Hintergrund bedeutet die aktuelle Zuspitzung des Falls:

  • bewussten, vorsätzlichen Affront gegenüber der Welterbegemeinschaft, die durch die UNESCO repräsentiert wird
  • Negation der Verantwortung für das als Welterbe ausgezeichnete höchste Kulturgut
  • Missachtung der Ökologie und Umwelt, aus denen Architektur und Städtebau ausgeklammert werden. Die Auffassung eines „kulturellen Umweltschutzes“ scheint vergessen zu sein
  • Verlust der Vielfalt an kulturellem Erbe, das künftigen Generationen vorenthalten wird
  • Verstoß gegen soziale Fairness (Stichwort: Luxuswohnungen)
  • Verfehlte Interpretation des behaupteten „Mehrwerts“ des Projekts für Wien.
    Im Gegenteil: der drohende Verlust des Welterbes, der damit verbundene Reputationsverlust der Republik, die Vernachlässigung der sozialen Aspekte und Partizipationsmöglichkeiten der Allgemeinheit am Kulturerbe „Stadtdenkmal“ bedeuten eine eklatante Wertminderung

 

  • Angriff auf kollektive Icons, die Gesellschaften brauchen und prägen (u.a. Skyline, „Canaletto-Blick“)
  • Bruch von Identitäten, die sich wesentlich auch aus ästhetischen Elementen zusammensetzen
  • insgesamt: eine „Imagekatastrophe“ Österreichs
  • Entbettung – „disembedding“ – durch entfremdenden Gestaltwandel der Stadt

 

Die Entscheidung über die Richtung, die die Stadt Wien einschlägt mit Folgen für die Republik Österreich und das internationale Ansehen fällt am 10. Mai und am 1. Juni.
Die Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees, das über das Hochhaus- und Hotelprojekt am Wiener Heumarkt urteilt, findet vom 2.‑12. Juli in Krakau statt. Die Abstimmung des Wiener Gemeinderats ist dadurch von außerordentlicher Bedeutung.
In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass eine von der Stadt Wien initiierte Welterbeverträglichkeitsprüfung (HIA – Heritage Impact Assessment) die Entscheidung des Welterbekomitees nicht präjudizieren kann.

 

Der Appell richtet sich an Sie als Entscheidungsträger, nicht an Parteien oder Gremien, sondern Sie als handelnde Person.[1]

Sie sind in der Lage durch Ihr Votum die Schieflage wieder ins Lot zu bringen. Haben Sie den Mut für die weltgemeinschaftliche Sache und gegen kurzfristige, partikulare, politische und wirtschaftliche Interessen zu stimmen.

Das Jahr 2018 hat die Europäische Kommission unter dem Motto „Sharing Heritage“ zum Europäischen Kulturerbejahr – zum European Cultural Heritage Year – ausgerufen. Ob der Beitrag Österreichs dazu der Verlust des Welterbeprädikats für das historische Zentrum von Wien sein wird liegt gewichtig nicht zuletzt auch in Ihrer Hand.

 

 

 

Univ.-Prof. Dr. Wilfried Lipp
Präsident ICOMOS Austria



[1] ICOMOS Österreich geht davon aus dass die Abstimmung namentlich, in geheimer Wahl, im Sinne des freien Mandats, durchgeführt wird.

 

ICOMOS Österreich Appell an den Wiener Gemeinderat

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